Das Panorama ist das Kulturmagazin des Münchner Westends und der Schwanthalerhöhe. Entstanden in einer Zeit in der immer stärker ideologisierte Debatten um politische Korrektheit, Gerechtigkeit und soziale Distanz das Stadtgespräch beherrschen, möchten wir einen Beitrag zu Kultur und menschlicher Begegnung leisten, indem wir den Blick auf die real und unmittelbar erfahrbare Umgebung lenken.

Der Stadtberzirk 8 – Schwanthaler Höhe und Westend, ist der kleinste der Münchner Stadtbezirke und war lange als Glasscherbenviertel verrufen. Schon zur Zeit seiner Entstehung um die Mitte des 18. Jahrhunderts war es ein Viertel der einfachen Leute, die sich die Stadt nicht leisten konnten und deshalb draußen vor den Toren wohnten. Aber mit der Zeit wuchs das Viertel auf der Sendlinger Haid‘. Die Brauereien und Fabrikbesitzer der bald einsetzenden Industrialisierung wußten das billige Arbeitsvolk wohl zu nutzen. Der Malzgeruch in der Luft gehörte bald so dazu, wie der raue Umgangston in den Wirtschaften. Das Gschwerl wusste sich zu unterhalten. Der Volkssänger S. F. Holzapfel berichtet davon in einem Couplet:

Hab’n s‘ a Idee von der Schwanthalerhöh‘!

Die Münchener Vorstädt sind interessant,
Deshalb sind sie überall auch bekannt,
Von der Au und von Giesing sehr vieles man spricht,
Aber nur eines, das paßt mir halt nicht,
Daß man vom Westend so selten was hört,
D‘ Schwanthalerhöh‘ i’s do a no was wert,
Darum sing ich jetzt ein neues Couplet,
Hams a Idee, von der Schwanthalerhöh!

Schaut man sich ein‘ von der Schwantalerhöh,
Einmal so recht genau an von der Näh,
Hat meiner Seel man daran seine Freud,
A solches Gwachs, so a Urwüchsigkeit!
Und erst die schöne Sprach, in München West!
War ja nix a hast ghört, also verschtest!
Mach koane Späs, du Linkstock, tu geh! – 
Hams a Idee, von der Schwanthalerhöh!

Dort war es öfters als einmal schon da,
Daß einer mit fünfzehn Jahr wird Papa,
D’Mäderl, natürlich, die bleib’n a net zurück,
Denen blüht sehr oft – Familienglück!
Mit achtzehn Jahr hat fast jede was kleins,
Wird eine zwanzig, hat immer noch kein’s
Die macht Gewissensbiß sich dann o je – 
Hams a Idee, von der Schwanthalerhöh!


In einer Wirtschaft war kürzlich ich dort,
Da ham’s schlecht eingschenkt, ich sagte sofort,
Sie bitte tun sie da mehrer hinein!
Der sagt drauf: S’nächste mal, tritt i dirs ein!
Jetzt hast fei Zeit, daß Di, gschwind verlierst
Sunst mach i Brat aus Dir, na kimmst in d’Würst!
Du fader Komiker, tu nur grad geh‘!
Ham’s a Idee, von der Schwanthalerhöh!

A Liebeserklärung, zu hören dies i’s nett!
A Schwanthalerhöher, der weiß wie ma redt!
Du windige Schäsen, hau di zum Gwäsch!
I bin der Schorsche, bei mir da ists fesch!
Mach koane Tanz, weil ma mi net derbleckt
Balst mi net magst, werd dir’s Hausdach zudeckt.
Tu mir nix schnabeln, dös andere woaßt eh!
Hams a Idee, von der Schwanthalerhöh!

Neben den Brauereien und dem rauen Umgangston gehörten bald die Fabriken der einsetzenden Industrialisierung zum Westend. Die Hofgummiwarenfabrik Metzeler & Komp. leistete in diesem Zusammenhang einen fortwährenden Beitrag zur Geruchsbelästigung, den man bis heute mit dem Stadtteil verbindet. Das häufig als besitzlose Mieterbagage diffamierte Volk organisierte sich in Sportvereinen, veranstaltete legendäre Feste in den Hinterhöfen der Genossenschaftswohnungen und erfreute sich am zunehmenden kulturellen Leben. Das 1887 vom berüchtigten J.G. Böhmler eröffnete Panorama auf der Theresienhöhe erfreute sich großer Beliebtheit. Da es Kino noch nicht gab, vermochten es allein diese begehbare Kulturbauten, den Besucher in eine durch Malerei und bildende Kunst inszenierte Szene zu versetzen und damit den Blick aus dem Dünkel heraus und in die Ferne schweifen zu lassen. Häufig waren es biblische Szenen, große Schlachten oder kolonialer Triumph, der dort zur Schau gestellt wurde.

Das Panorama unserer Zeit hat eine andere Aufgabe. Waren die Menschen im Westend vormals nur allzusehr in ihrem unmittelbaren Umfeld verhaftet, verharrt ihr Blick heute auf ideologischen Auseinandersetzungen und eingebildeten Narrativen virtueller Lebensrealitäten. Die Corona-Pandemie des Jahres 2020 hat die Illusion einer globalisierten Lebensweise offensichtlich gemacht. Was tatsächlich vor sich geht, beschreibt der Dichter Friedrich Rückert in einem seiner später durch Gustav Mahler berühmt gewordenen Lieder:

Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!

Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.
Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh’ in einem stillen Gebiet!
Ich leb’ allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!

Faktisch haben die Diskussionen um soziale Gerechtigkeit und politische Korrektheit weder zu mehr Gerechtigkeit noch Toleranz geführt, sondern zu einer beispiellosen Vernichtung kultivierter Formen menschlicher Zusammenkunft; die Begegnung an der Straßenecke ist unlängst ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Das Münchner Westend ist einer der wenigen verbliebenen Orte, der sich einige Werte seiner jungen Geschichte bewahrt hat. Sie sind verborgen in den Nebengebäuden seiner Hinterhöfe und Galerien. Nur Eingeweihte wissen, was hinter den Milchglasscheiben und Metalltüren liegt. Das Westend geht einen anderen Weg als die moderne Zeit und Neuankömmlinge ahnen davon nichts. Wir wollen die Metalltüren öffnen und durch das Milchglas schauen, um einen Blick zu offenbaren, auf das, was direkt vor der Haustür liegt. Das Panorama unserer Zeit will den Blick nicht auf das Ferne, sondern auf das Unmittelbare richten. Auf dass Begegnung auf der Straße wieder möglich wird und die Hinterhoffeste so rau und zahlreich werden, wie sie es einst waren.