Village City – Zukunftsmodell urbanen Zusammenlebens

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Gott war ein Bayer. Man braucht nur über das hügelige Alpenvorland westlich von München zu wandern, da wo der Himmel die Erde küsst, um sich davon zu überzeugen. Wenn man droben die alten Dörfer sieht, wie sie ihren Gang gehen, als kennten sie die Zeit nicht, dann versteht man, warum es ihn hierher verschlagen hat. Es sind die grünen Weiden, die goldenen Felder und die alten Bauernhöfe, wo Kühe gemächlich ihr Heu kauen und Ziegen auf der Koppel meckern. Wo der Hahn um halb fünf auf den Misthaufen steigt und alle aus den Federn plärrt. Wo man mit der Blechkanne zum Hof marschiert und sich seine Milch zum Frühstück holt. Wo der Wirt und das Vereinsheim Institutionen der Gemeinschaft sind. Wo die Feuerwehr, die Schützen, die Kirche und alle Vereine am Dorfplatz ihre Aushänge machen und jeder Bescheid weiß, was es bald zu tun gibt. Wo es noch immer alte Bräuche gibt. Das Maibaum Aufstellen,

Maibaum Klauen, das Osterfeuer, Kirchweihfest. Es gibt zwei Arten von Gesellschaften: Die Großen und die Kleinen. Die Großen basieren auf normativen Werten. Man gehört dazu, weil man Corona-Befürworter oder Gegner ist. Weil man Feminist, Elitist, Kapitalist, Spiritist, Liberalist oder Saubeutel ist. Abgesehen davon, braucht man nichts weiter miteinander zu tun zu haben. Die kleine Gesellschaft ist ehrlicher. Sie basiert auf Herkunft, Lokalität, kultureller Identität, persönlicher Bekanntschaft und Tradition. Man mag sie auch Nachbarschaft oder Dorfgemeinschaft nennen und sie kann da entstehen, wo eine hinreichende Anzahl von Menschen die Möglichkeit erhalten, sich selbst in das Narrativ dieser Gemeinschaft zu integrieren. Es gibt ja das Internet. Man könnte meinen, alles wäre schon getan. Aber weit gefehlt! „Alles, was wichtig ist – 500 Meter um meine Haustür herum!“ ist leider keine Suchoption.


Die bayrische Dorfgemeinschaft hat einen Dorfplatz und da gibt es Anzeigentafeln und das Vereinsheim. Alles, was es in der Dorfgemeinschaft zu wissen und zu berichten gibt, findet man hier. Das Vereinsheim ist eine Lokalität, die alle Vereine, Initiativen, etc. nutzen können, um Versammlungen abzuhalten. Im Westend könnte das Heim und die Anzeigentafeln am Gollierplatz errichtet werden, wo auch Platz ist. Dieses Vereinsheim und seine Webseite stellen den zentralen Anlaufpunkt für alle Menschen dar, die sich in die Nachbarschaft integrieren wollen. Hier wird über Aktionen, Bündnisse, Vereine, relevante soziale Medien und so weiter informiert. Über das Vereinsheim vertritt sich die Gemeinschaft eines Stadtviertels gegenüber der Stadtverwaltung und organisiert sich in sinnvollen Bündnissen und Vereinen, welche die gemeinsamen Interessen vorantreiben. Weitere Potentiale liegen im „Dorf in der Stadt“. Wenn das Westend auch ein schönes Viertel ist, wurde es nicht mit Naturverbundenheit und

Ästhetik im Sinn erbaut, sondern mit Platznot, Zweckmäßigkeit und dem zentralen Gedanken, dass man hier ja nur wohnt. Der letzte Gedanke hat wohl wie kein anderer zu Stadtgebieten geführt, wo gewohnt wird und eben nicht gelebt. Im Westend gibt es zunächst ein großes Platzproblem, weswegen man schon mit Konzepten, wie den „Sommerstraßen“ spielt. Diese provisorischen Spielstraßen haben durchaus Erfolg bewiesen und zu diversen Fuß- und Federballspielen geführt. Probleme waren teils Konflikte über Lärm mit den Anwohnern und natürlich die provisorische Natur. Man löst das Kultur- und Zugehörigkeitsproblem, das Menschen in der Stadt haben, nicht mit Provisorien. Damit ein Gefühl der Ortsverbundenheit und kultureller Identität entstehen kann, braucht es Kontinuität und Originalität. Parklets, Sommerstraßen, grüne Dingsbums. So gut diese Ansätze auch gemeint sind, am Ende des Tages sind sie für den, der Kultur und Zugehörigkeit sucht, wie ein Besuch im Laden einer Franchise-Kette. 


Was es braucht, sind reale Orte, wo reale Menschen mit Hand, Fuß und Gesicht sich begegnen und das Gefühl entwickeln können, mit der Erde verbunden zu sein auf der sie stehen. Im Westend bieten sich hier die Hinterhöfe an. Große und kaum genutzte Hinterhöfe gibt es zum Beispiel in einigen Blocks der Gollierstraße, Tulbeckstraße und Westendstraße. Diese Hinterhöfe sind aktuell mehr oder weniger als Kinderspielplätze angelegt – mit zwei drei armseligen Geräten, die man dann doch nicht nutzt, weil es irgendwie zu traurig ist, sich da alleine hinzusetzen. Man könnte deutlich mehr aus diesen Hinterhöfen machen. Auch während man darauf achtet, dass die Lärmbelästigung für die Anwohner nicht zu groß wird. Konkret wäre beispielsweise zu denken an: a) Nutztierhaltung mit Ziegen, Hühnern, Schafen. Die Lärmbelästigung hält sich hier sehr in Grenzen und viele Eltern und Kinder sollten sehr froh darüber sein, dass sie solche Tiere direkt vor der Haustüre haben.

Zudem würden sicher etwas Milch, Eier, Käse abfallen und auch das würden sicher viele Leute gerne kaufen. Die Sattlerei in der Ligsalzstraße würde sich sicher anbieten, aus den Schafsfellen Decken oder andere Textilien zu fertigen. Der Aufwand, die Stallungen zu errichten und zu unterhalten müsste zu bewältigen sein und man hätte ein bisschen wachsende und weiter formbare reale Welt geschaffen, mit der Menschen sich verbunden fühlen können.
b) Ausgestaltung als Kulturflächen. Manchem dürfte der Rosengarten an den Isarauen ein Begriff sein. Dieser wunderschöne Garten ist in der Regel zwischen 7:00 und 21:00 Uhr geöffnet und erfreut in dieser Zeit seine Besucher mit grüner Wiese, Bänken, schönen Hecken und bunten Blumen. Die Lärmbelästigung, die von so einem Garten ausgeht, ist vernachlässigbar – die Menschen gehen zum Beispiel gerne zum Lesen hin oder einfach um sich in die Sonne zu legen. Obendrauf kann man die erlaubten Besuchszeiten einschränken, wie es für die Anwohner erträglich und zumutbar ist.


c) Gärtnern und Ackerbau. Es wäre leicht machbar, Beete anzulegen, wo die Anwohner nach Wunsch eigenes Gemüse und Pflanzen anbauen können. Wer welche Fläche erhält, könnte in einer Veranstaltung des Vereinsheims kultur- und gemeinschaftsfördernd ausgelost werden. Viele Damen und bei Genuss auch Herren, würden das sicher sehr schätzen.
d) Veranstaltungen. Selbst ohne riesige Veränderungen, wäre es möglich, die Hinterhöfe für Veranstaltungen, zum Beispiel Hinterhoffeste zu nutzen. Diese Feste sind eigentlich eine Tradition im Westend, die über die Zeit leider in Vergessenheit geraten ist. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren sie wohl institutionell. Insbesondere der Hinterhof in der Tulbeckstraße 46 wird hier zitiert. Er ist heute leider nicht mehr so groß, wie damals.
e) Hinterhofgebäude. Einige der Hinterhöfe sind groß genug, dass man darin weitere Gebäude anlegen könnte, die dann für sozial-kulturelle Zwecke zur Verfügung stehen. Konkret wäre an Jugendheime und Galerien zu denken. Jugendheime gibt es häufig draußen am Land. Es sind weitgehend selbst verwaltete Räume, wo die Herrschaften sich in halbwegs

koordinierter Weise miteinander betätigen können. Dort wird abgehangen, es werden LAN-Parties veranstaltet, Parties oder Band-Gigs. Auch, wenn die Erwachsenen sich meistens über den Zustand dieser Räume ärgern, ist es ihnen doch lieber, kistenweise Spezi zu finanzieren, als leere Bierdosen im Dixi-Klo hinterm Asylantenheim zu finden. Galerien wären eine weitere Möglichkeit für kulturelle Einrichtungen. Hier verlässt man etwas das Dorfnarrativ. Aber wir wollen hier niemand rechts überholen. Allen diesen Vorschlägen ist gemein, dass sie eine Abstimmung mit den Hausbesitzern und Anwohnern erfordern. Im Westend werden die Hausbesitzer häufig Genossenschaften sein, die zu überzeugen sein müssten, wenn man die Anwohner für sich gewinnt. Man müsste den Anwohnern ein konkretes Projekt mittels gezieltem Briefkasteneinwurf vorstellen und sie dazu bewegen, ihr Einverständnis zu geben. Je mehr diese sich einbezogen fühlen und den gemeinschaftlichen und nachbarschaftlichen Gedanken verstehen, der diesen Unternehmungen zugrunde liegt, desto leichter sollte man sie überzeugen können.


Hilfreich wäre es sicher, ein Vereinsheim am Gollierplatz zu haben, wo man die ganze Initiative am schwarzen Brett in aller Breite erklären kann. Wenn sie sich so ein eigenes Bild machen können und dann sogar noch in allen Würden und Ehren persönlich zu einer Abstimmung dorthin eingeladen werden, dürften einige ganz fiese Grantler am Ende doch ihr Einverständnis geben. Allein der Bau eines Vereinsheims, Dorfzentrums oder wie auch immer man es nennt, sollte sowohl im Stadtbezirk 8 als auch darüber hinaus sehr regen medialen Widerhall finden und ausgezeichnet zu dem basisdemokratischen Gedanken passen, welcher der Zusammenarbeit der Bezirksausschüsse mit den Bürgern innewohnt. Es wäre ein Projekt, das frischen Wind in die Segel seines Trägers brächte und genug Aufsehen, dass weitere Projekte, wie die Nutzbarmachung der Hinterhöfe in Angriff genommen werden können. Das Beste, was passieren könnte, wäre, dass eine gesunde Konkurrenz zwischen den Stadtbezirken entsteht und alle die beste Dorfgemeinschaft haben wollen. Mit dieser Energie sollten die Dörfer in der Stadt erblühen.